Die Entwicklung zwischen den Weltkriegen

Drei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs kam der Schützenverein langsam wieder in Schwung. Bestimmt hatten viele Fami­lien noch immer mit Schmerz und Trauer, Not und Sorgen zu kämpfen. Doch das Leben musste ja weitergehen, und so feierte Graes im Jahr 1921 sein achtes Schützenfest. Klemens Plate aus dem Brook konnte sich als erster König der Nachkriegszeit in die Chronik eintra­gen. Zur Königin erwählte er sich Maria Witte (Bröker), seine spätere Ehefrau.

Das nächste Fest ließ dann drei Jahre auf sich warten. Von 1924 bis 1938 richteten sie wie gewohnt im Zwei-Jahres-Turnus ihr Schützenfest aus. Dabei gibt es allerdings eine kleine Ungereimtheit zu vermelden: Das Schützenfest im Jahr 1932 scheint ausgefallen zu sein, zumindest wird es in den Unter­lagen und in der Chronik nicht erwähnt. Der Grund dafür konnte leider nicht ermittelt werden.

Im Jahr 1928 dann der erste große Höhepunkt: Der erwach­sen gewor­de­ne Schützenver­ein feierte sein 25-jähriges Bestehen. Viel ist uns darüber nicht bekannt. Augenfällig ist jedenfalls, dass ein Genera­ti­ons­wechsel statt­­gefunden hatte: Neu­er König wurde im Jubi­läums­jahr Hermann Hüppe, Sohn des ers­ten Graeser Königs Wilhelm Hüppe. Wie sein Vater nahm er sich eine Königin aus der Familie Weßling: Änne, seine Cousine. Hatte sein Vater sei­ne Königin noch geheiratet, verbot sich das in diesem Falle jedoch aus naheliegenden Gründen.

Das chronologisch erste Schriftstück, das in den heutigen Unterlagen des Schützenvereins erhalten geblieben ist, stammt aus dem Jahr 1938. Es handelt sich dabei um die „Bedingungen für den Restaurations-Verding zum Schützenfest des Schützenvereins Graes am 29./30. Mai 1938". Hierin wird bei­spielsweise dem Festwirt aufgegeben, ein 500 m2 großes Zelt zur Ver­fü­gung zu stellen und es zu dekorieren sowie auszu­schmüc­ken. Weiter heißt es dazu: „Dasselbe ist mit Dach und Thron fertig im Mit­tel­punkt von Graes aufzu­bauen. Als Mittelpunkt ist der Zwischenraum Epping, ­Richmering, Wirt Weß­ling, Bauer Weßling gedacht." Der Festwirt bestimm­te also, wo das Zelt zu stehen kam. Die Zeiten haben sich geän­dert.

In den 22 Punkten der Bedingungen erfahren wir erstmals auch etwas über die Musikkapelle, die an den Festtagen spielen sollte. Sie wurde für zwei Tage „in einer Mindeststärke von 10 und einer Höchststärke von 12 Mann vom Verein gestellt." Der Festwirt hatte sie unentgeltlich zu beköstigen. Ferner wurde ihm ausdrücklich zur Auflage gemacht, auf dem Fest für gute Speisen und Getränke zu sor­gen und nur einwandfreies Bier auszuschenken. In diesem Zusammenhang müssen wir bedenken, dass es damals weitaus schwieriger war als heute, die Geträn­ke zu kühlen.

In einem zweiten Dokument von 1938 sind die Einnahmen und Ausgaben des Schützenfestes belegt. Von 154 Mitgliedern hatte man immerhin 308 RM an Mitgliedsbeiträgen kassiert. Beim „Antreten 1. Tag" – so der Vermerk in der Ab­­­­­­­­rech­nung – waren 450 RM und am zweiten Tag 125 RM in die Kasse geflossen. Wie das Geld hereinkam, bleibt unklar. Wurde beim Antreten nochmals kassiert? Wie dem auch sei, die Einnahmen beliefen sich anno 1938 auf 883 RM. Die Ausgaben blieben mit 679 RM unter den Einnahmen, der Schützenverein machte also einen Gewinn von 204 RM. Bemerkenswerter Posten: 7,28 RM wurden für eine „Vereinszeitung" ausgegeben! Man wundert sich, aber alles hat seine Richtigkeit, wie die Kassenprüfer Hubert Elfering und Hermann Wessling beurkunden.

 

Vorsitzende und Offiziere

Was für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gesagt wurde, gilt auch für die zwei­te Periode: Nachrichten über Ämter und die sie besetzenden Per­sonen sind rar. Zwar hat der Schützenvorstand anlässlich seines gol­­denen Vereins­jubi­läums im Jahr 1952 die Namen aller Vorsitzenden festgestellt und dokumentiert. Es fehlen jedoch Angaben zu Amtsantritt und -dauer. Für historisch Interessierte sei noch auf eine Besonderheit hingewiesen: Seit etwa 1935 erhielt der Vorsitzende des Schützenvereins zwangsweise den Titel „Vereins­führer", wie übrigens alle Vorsitzenden der „gleichgeschalteten" Vereine.

Auf Hermann Söbbing (Rexing) folgte nach dem Ersten Krieg sein Sohn Gustav Söbbing (Rexing). Man darf annehmen, dass er das Amt direkt nach dem Krieg über­nommen hat. Abgelöst wurde er von Hermann Frenker, nach mündlicher Überlieferung etwa um 1926. Doch auch dessen Vorsitz war nicht von langer Dauer. Schon nach einem Jahr soll er „den ganzen Pröttel wieder hingeschmissen haben", wie ein Zeitzeuge berichtet. Bis zum Ausbruch des Zwei­ten Weltkriegs bekleideten noch Klemens Plate und Eduard Söbbing das Amt des Vorsitzenden.

Ein weiteres Vorstandsmitglied wird uns aus der Tageszeitung bekannt: In einem Nachruf bedankt sich der Vorstand des Schützenvereins Graes bei Josef Dües für seine langjährige Mitgliedschaft im Vorstand und erwähnt, dass „er maßgebend in unseren Reihen" war.

Heinrich WitteAls jüngstes Mitglied in jenen Jahren gilt Heinrich Wittebuer aus dem Brook. Nach eigenen Angaben wurde er im Jahr 1926 im Alter von 22 Jahren in den Vorstand gewählt. Er fungierte als Schrift­führer in der Nachfolge von Bern­hard Weßling und arbeitete in diesem Amt bis 1966, also 40 Jahre lang.

Den Posten des Obersten übernahm im Jahr 1921 Bauer Heinrich Elkemann, wie ein Foto aus dem Jahr 1924 (Jubiläumsschrift von 1977) belegt. Sein Vorgänger, Heinrich Bengfort, war 1916 verstorben. Heinrich Elkemann übte sein Amt nach mündlicher Überlieferung auch noch nach dem Zweiten Welt­krieg aus. In einem Nachruf aus dem Jahr 1960 danken sowohl der Schützen- als auch der Kriegerverein Heinrich Elke­mann dafür, dass er „jahrzehntelang den Posten als Oberst in unseren Ver­einen ver­tre­ten hat." Aber auch sein Namens­vetter Heinrich Elkemann (Merten) ist auf Fotos häufiger als Oberst abgebildet. An Hand der Uniform ist er aber eindeutig als Oberst des Krie­ger­ver­eins zu identifizieren. Ob er dieses Amt – vor oder nach dem Zweiten Welt­krieg – auch für den Schützenverein bekleidete, muss hier offen bleiben. Im Allgemeinen gilt zu bedenken, dass identische Ämter in den beiden Verei­nen in vielen Fällen auch mit ein und derselben Person besetzt waren.

Oh Elkemann Heinrich Elkemann vom Brook Hauptmann Roesken Kemper

Hauptmann des Schützenzuges war nach mündlicher Überlieferung ab 1921, wie schon in den Jahren vor dem Krieg, Hermann Rösken­kemper. Drei Jahre später wird auf dem erwähnten Foto von 1924 allerdings Heinrich Buss als Haupt­mann genannt. Wiederum sind es mündliche Zeugnisse, denen wir Angaben zu weiteren Offi­zie­ren verdanken. Demnach war Hermann Helmert, Brink, Königsadjudant in den Jahren von 1921 bis 1926. Ebenfalls Königsadjudant war Johann Beck­mann aus der Stegge. Seine „Dienstzeit" ging von 1921 bis 1930. Eine weitere mündliche Nachricht sagt, dass Heinrich Helmert Ende der 1930er Jahre Vorstandmitglied wurde.