Schützenfeste sind heute ohne Zweifel die populärsten und zugleich traditionsreichsten Veranstaltungen in den Städten, Dörfern und Bauerschaften Nordwestdeutschlands. Häufig sind sie seit Jahrhunderten das Hauptfest ihres Ortes oder ihres Ortsteils. Die veranstaltenden Schützenvereine bilden dabei nicht nur einen Zusammenschluss zur Feier eines jährlichen Volksfestes, sondern haben darüber hinaus auch lokalpolitisches Gewicht. Auf die Gründung und den Werdegang des Allgemeinen Schützenvereins Graes wollen wir hier näher eingehen.

 


Die Anfänge in Europa, Deutschland und Westfalen

Das Schützenwesen existierte in vielen Ländern Europas und reicht, wie auch in Westfalen, bis ins Mittelalter zurück. Die volkskundliche Forschung hat festgestellt, dass sich so genannte Schützengesellschaften, die als Vorläuferorganisationen der heutigen Schützenvereine anzusehen sind, seit Mitte des 14. Jh.von Flandern und Nordfrankreich aus in ganz Europa ausgebreitet haben.

Auch das Vogelschießen und die Schützenfeste selbst haben eine Jahrhunderte alte Tradition. Im Gegensatz zum 19. und 20. Jahrhundert, in dem die Schützenvereine fast ausschließlich der Freude und der Geselligkeit dienten, waren die Vereinigungen der Schützen ursprünglich ausgesprochene Notgemeinschaften. Zwar zogen seit der Zeit Karls des Großen nur noch die adeligen Ritter und Dienstmannen in den Krieg, aber zur Abwehr räuberischer Überfälle, zur Verfolgung von Verbrechern und zur Verhinderung sozialer Unruhen wurden auch die Eingesessenen einer Bauerschaft oder eines Kirchspiels immer wieder zu Landwehraufgaben herangezogen.

Anfangs nur mit Spieß und Speer bewaffnet, wurden sie seit dem 15. Jahrhundert im Gebrauch der Armbrust und später auch der Feuerwaffen geübt. Selbst wenn die schriftliche Überlieferung schweigt, kann man für jede Bauerschaft und jedes Kirchspiel eine solche Schutzvereinigung annehmen. Befehligt wurde sie im Fürstbistum Münster vom örtlichen „Führer", einem fürstbischöflichen Beamten, der mit polizeilicher Gewalt ausgestattet war und sei­ne Weisungen vom Richter des zuständigen Go­­gerichts bekam (Graes gehör­te zum Gogericht „Ton steenerne Crüce"). In den meisten Fäl­len wurde mit dem Führeramt der Dorfschulze beauftragt.

Der Hauptzweck der Schützenge­sellschaften war es, die Bevölke­rung im Umgang mit der Waffe zu trainieren und wehrtüchtig zu halten. Da das regelmäßige Exerzieren mit der Waffe und die stete Kampfbereitschaft mit Opfern verbunden war, wurden die Wehrschützen durch ein alljährliches Schießen auf einen Holzvogel – anfangs ein Papagei (!), später ein Adler – und ein sich anschließendes Fest entschädigt. Hierzu spendierte nicht selten der Landes- oder Grundherr ein Fässchen Bier. Für Nienborg ist bei­spiels­weise durch ein historisches Dokument aus dem Jahr 1520 be­­legt, dass die dortigen Burgmänner mit den Schützen eine „Tonne" Bier vertrunken hatten und zwar an dem Tag „als men den papagoge schot". In Ahaus gab der fürst­bischöfliche Beamte im Jahr 1489 „den schutten van den ahus unde schutten van loen so se alle willich synt, itlicker geselschop 1 rindt".

Schon damals dienten die Schützenvereine oft nicht nur militärischen, sondern auch kirchlichen und gesellschaftlichen Zwecken. Die Schützen trafen sich zum gemeinsamen Gebet und Gottesdienst, begleiteten ihre Toten mit der Vereinsfahne zum Grabe und feierten das Fest ihres Schutzpatrons, der dem Schützenverein den Namen gegeben hatte und meist mit dem Patron der Ortskirche identisch war.

Seit dem 16. Jahrhundert nahm die militärische Bedeutung der Schützen­ge­sell­schaften mehr und mehr ab, die Tradition der Schützenfeste jedoch blieb erhal­ten. Diese Treffen zum Vogelschießen waren aber zunächst eine reine Män­ner­angelegenheit; Frauen und Kinder hatten dort nichts zu suchen. Was ursprünglich als Ausgleich und Belohnung für einen mühe­­vollen Einsatz gedacht war, artete so mancherorts in „wahre Fressorgien und wilde Saufge­la­ge" aus.

Erste Belege für Westfalen und das Münsterland

Der bisher erste Beleg für eine westfälische Schützengesellschaft stammt aus dem Jahre 1378 aus Dortmund. Das historische Dokument berichtet, dass eine „armborstes schutten geselschop" besteht, die auf einen Pa­­pagei zu schießen pflegt. Nur wenig jünger sind Nachrichten über Schützen im west­­lichen Münsterland. Sie stammen aus Bocholt (1407), Gemen (1470), Ahaus (1489), Nienborg (1520), Nienborg-Wext (1531), Borken (1578), Epe (1588) und Vreden (1595).

Die Graeser Höeke gründen den Allgemeinen Schützenverein Graes

Schützenvereine vor 1902

Allgemeiner Schützenverein Graes – diesen Namen mit dem aus­drück­lichen Hinweis auf die Allgemeinheit haben die Gründer sicher nicht ohne Absicht gewählt: In Graes gab es auch schon vor dem Jahre 1902 Ver­eine, die Schützenfeste feierten. Sie waren den Bewohnern der einzelnen Höeke vorbehalten, waren eben nicht allgemein.

In welchem Jahr nun eines dieser Feste in den Höeken erstmalig gefeiert wurde, ist wohl nicht mehr festzustellen. Bekannt ist, dass um das Jahr 1837 herum der Nienborger Freiherr von Heiden den Schützen auf dem Nordiek eine Wiese mit dem Namen „Im Schlatt" stiftete, auf der fortan das Vogelschießen stattfinden konnte. Dieses Grundstück ist jetzt Eigentum des Allgemeinen Schützenvereins und bis heute für das Vogelschießen erhalten geblieben. Freiherr von Heiden besaß zu jener Zeit in Graes etliche Bauern­höfe, die von seiner Rentmeisterei „Haus Wohnung" in Nienborg verwaltet wur­den. Hauptlehrer Wilhelm Hüppe vermerkte in seinen Schulunter­lagen, diese Tatsache habe auch zu der häufig verwendeten Bezeichnung „heidnisches Graes" geführt (Mündliche Mitteilung von Dr. Dieter Hüppe).

Auch auf der Stegge lässt sich ein Schützenplatz nachweisen. Das heißt, dass auch dieser Hook seinen eigenen Schützenverein hatte und sein eigenes Schützenfest feierte. Nach amtlichen Katasterunterlagen lag dieses Grund­stück in der Nähe von Feldmann (Kuhlbernd) und gehörte dem Zeller Blom­mel. Die Jubiläumsschrift zum 75-jährigen Bestehen des Graeser Schüt­zen­ver­eins berichtet von einem weiteren Schützenverein, der auf dem Thiebrink zu Hause war. Darüber gibt es aber bislang leider nur mündliche Über­lie­fe­run­gen, schriftliche Belege oder gar Karten ließen sich nicht finden. Die Vogelstange hat wohl in der Nähe des Hofes Aschemann gestanden.

Exakt nachweisen lässt sich wiederum der vierte Schützenplatz. Er lag auf dem Brink, genauer gesagt, direkt an der Ahauser Aa, westlich von Holle­kamp (Sudde). Es handelte sich um ein Weide, die den Bauern Elfering und Laing gehörte. Die Lage nannte sich „Aufm Rambrock".

Die letzten Schützenfeste auf dem Brink

Wenn eingangs gesagt wurde, dass wir über die Schützenfeste vor 1902 so gut wie nichts wissen, so gibt es doch eine Ausnahme. Bauer Her­mann Helmert konnte aus mündlicher Über­lieferung über die letzten Schüt­zen­feste auf dem Brink berichten und sogar noch zwei Königspaare nennen. Er schrieb dem Schützenverein – kurz vor seinem Tod am 2.11.2001 – folgende Zeilen:

„Auf dem Brink wurde schon vor 1902 Schützenfest gefeiert, und zwar

1892 auf der Tenne des Zellers Hermann Uhlenbrink, Graes Nr. 8

1894 auf der Tenne des Zellers Heinrich Herickhoff, Graes Nr. 12

1896 auf der Tenne des Zellers Johann Helmert, Graes Nr. 10

1898 auf der Tenne des Zellers Johann Laing, Graes Nr. 13

1900 auf der Tenne des Zellers Heinrich Wessling, Graes Nr. 14

So ging es von einem Hof zum andern. König war im Jahr 1898 Johann Bernhard Wess­ling, Stiefvater von Bernhard Blommel Herms. Königin war Ehefrau Maria Helmert geb. Temming (Heffler). Letzter König auf dem Brink war im Jahr 1900 Heinrich Herickhoff, Königin war Ehefrau Katharina Sterneberg geb. Schücker."

Kaum jemand kannte wie Bauer Hermann Helmert (Jahrgang 1935) die Geschich­te der Land­wirtschaft und der bäuerlichen Familien in Graes. Sein Wissen bezog er aus der mündlichen Überlieferung, die in der eigenen Familie seit Generationen gepflegt wurde. Auch im Zu­sammenhang mit dem Schützenverein wusste er einige verwandtschaftliche Beziehungen zu nennen. Er schrieb dazu:

„Der zweite Sohn des Zellers Johann Heinrich Weßling, Hermann Weßling, ist mit der Tochter Christine Schulze Richmering verheiratet. Sie haben in den 1860er Jah­ren im Nordiek eine Land- und Schenkwirtschaft gebaut. Die Tochter Maria Weßling hat den Hauptlehrer Hüppe geheiratet. Er hat ganz Graes zusammengebracht."

Die Höeke rücken zusammen

Die Gründung des „Allgemeinen Schützenvereins" fällt in eine Zeit, als in Graes vieles in Bewegung war: Schon seit 1888 hatte es seitens der Bevölke­rung Bemühungen gegeben, sich von der Pfarrkirche Wessum zu lösen. Der erste Schritt dazu war der Bau einer eigenen Kapelle, die im Jahr 1898 eingeweiht wurde. Nach und nach konnten weitere Pfarrrechte erstritten werden, bis sich Graes im Jahr 1919 dann endgültig von der Wessumer Mutterkirche trennte und vom Bischof in Münster zu einer eigenständigen Pfarrgemeinde erhoben wurde.

Die Bestrebungen zur Loslösung von Wessum wurden begleitet von der Grün­dung zahlreicher Vereine. Zu nennen sind hier die Junggesellen-Sodalität (1903), der Mütterverein (1914) und die JungfrauenKon­gre­ga­tion (1915). Der Schützenverein setzte sich im Jahr 1902 also an die Spit­ze einer Bewe­gung, die das Ziel hatte, in Graes eine von Wessum losgelöste Gemeinde aufzubauen.

Eine weitere Motivation, die vier kleinen Schützenvereine zu einem großen zu­­sam­menzuführen, lag wohl darin, die Zahl der Feste zu verkleinern. Da an vier verschiedenen Stellen in Graes Schützenfest gefeiert wurde, war Unent­weg­ten also die Möglichkeit gegeben, sich viermal im Jahr gehörig auszulassen. Möglich, dass diese häufigen Zechgelage dem von der Wessu­mer Pfarrei delegierten Kaplan Joseph Bergmann, der in Graes als geistlicher Rek­tor fungierte, ein Dorn im Auge waren und seiner seelsorgerischen Für­sor­ge­­pflicht alles abverlangten. Jedenfalls führten er und der Graeser Haupt­lehrer Wilhelm Hüppe die verstreuten Vereine zusammen und gründeten im Jahre 1902 mit weiteren Graeser Bürgern den „Allgemeinen Schützenverein Graes".

Der erste Vorstand im Jahr 1902

Hermann Rexing
Hermann Rexing
Kassierer Anton Wantia
Kassierer Anton Wantia
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Oberst Hermann Richmering
hoge_bernh
Major Bernhard Hoge

Über die Gründungsversammlung selbst ist nichts bekannt, ein Protokoll nicht aufzufinden. In den Unter­lagen erhalten geblieben ist lediglich eine Aufstellung mit den Namen der gewählten Vorstandsmitglieder, Offiziere, Fahnenoffiziere und Adjudanten.

Vorstand des Schützenvereins Graes im Jahr 1902

Vorsitzender: Bernhard Haget-Wittebuer

Schriftführer: Hauptlehrer Wilhelm Hüppe

Kassierer: Anton Wantia

Heinrich Rörick

Theodor Dües

Hermann Söbbing (Rexing)

Offiziere des Schützenvereins Graes im Jahr 1902

Oberst: Hermann Schulze Richmering

Major: Bernhard Hoge (Hogen Kock)

Hauptmann: Heinrich Bengfort (Merten)

Fahnen-Offiziere des Schützenvereins Graes im Jahr 1902

Hermann Gesing (Harbuer)

Hermann Buss (Lotz)

Bernhard Kernebeck (Zuckewilm)

Adjudanten des Schützenvereins Graes im Jahr 1902

Bernhard Elfering (Gerkemann)

Heinrich Meier

Hermann Weßling (Elfering)

Heinrich Weßling

 

Inserat zum ersten Schützenfest im Jahr 1902Der erste Festwirt des allgemeinen Graeser Schützenfestes war „Wirth H. Wessling". Er versprach in einer Zeitungsanzeige, für gute Speisen und Getränke zu sorgen und bat gleichzeitig „um geneigten Zuspruch" (siehe rechts).


Das erste Schützenfest und das erste Königspaar
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Über das Datum und den Ablauf des ersten Schützenfestes sind wir dank eines Zei­tungsinserats recht gut informiert: Die Feierlichkeiten begannen am 13. Juli 1902 um 4 Uhr nachmittags mit einem „Concert im Zelte". Am Mon­tag­morgen ging es weiter. Schon um 8.30 Uhr hatten die Schützen im Fest­zelt anzutreten, gegen 12.30 Uhr marschierten sie dann zum Schützenplatz, wo mit dem Königsschießen und gleichzeitigem Konzert der erste Höhepunkt des Tages zu erleben war. Bereits um 4 Uhr nach­mittags, also nur ein oder zwei Stunden nach dem Königsschuss, ging es mit dem Königsball weiter.

Erster König des neuen Schützenvereins wurde Hauptlehrer Wilhelm Hüppe. Zur ersten Königin erkor er sich Fräulein Maria Weßling, eine Verbindung fürs Leben, wie sich später zeigen sollte. Sie heirateten am 11. Oktober 1903. Hüppe konnte damals noch nicht ahnen, dass viele Junggesellen bei späteren Vogelschießen seinem Beispiel nacheifern würden.

 

Die Entwicklung bis zum Ersten Weltkrieg

Die folgenden Schützenfeste wurden im Turnus von zwei Jahren gefeiert. Viele Nachrichten liegen uns darüber nicht vor. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass die Feste immer größer wurden, nach­­­­­dem sich alle Höeke angeschlossen hatten und so die Mitgliederzahlen gestiegen waren.

Über die finanzielle Lage des neuen Vereins lässt sich nur spekulieren. In den ersten Jahren werden viele Ausgaben fällig gewesen sein, weil neue Schär­pen, Degen, Hüte und Zylinder angeschafft werden mussten, um Schützen und Offiziere vereinsgemäß ausrüsten zu können. Aus benachbarten Vereinen ist bekannt, dass sich Schützenvereine manchmal an das Kaiserliche Militär wandten und dort gebrauchte Garderoben und Waffen kauften.

Auf dem ersten Foto einer Schützengesellschaft aus dem Jahr 1914, das den König von 1912, August Wessling mit seiner Ersatzkönigin Liesbeth Greven zeigt, vermissen wir beim König die Königskette. Als Zeichen seiner Königs­würde trägt er lediglich eine Schärpe und einen Zylinder. Viele Mitglieder führen am Revers ein Ehren- oder Vereinsabzeichen.

Eine weitere Schützengesellschaft ist auf einem Foto aus dem Jahr 1924 zu sehen. Die Köngskette fehlt noch immer. Möglicherweise ist sie erst im Jahr 1928 anlässlich des 25-jährigen Jubiläums angefertigt worden. Im Gegen­satz zum Foto von 1914 zeigen sich die Schützen jetzt mit einer Fahne. Von der Farbzeichnung her (weißer Streifen in der Fahne) ist es aber wohl nicht die heutige Fahne des Schützenvereins, von der es in der Chronik zum 75jährigen Jubiläum heißt, sie sei im Jahr 1925 angeschafft worden.

 

Vorsitzende und Offiziere

Während uns die Zusammensetzung des ersten Vorstands aus dem Grün­dungsjahr bekannt ist, sind Namen weiterer Vorstandsmit­glie­der aus den Jahren bis 1914 leider nicht überliefert. Aus vereinzelten Unterlagen ist jedoch zu erschließen, dass vor dem Ersten Weltkrieg neben Haget-Wittebur aus dem Brook noch Hermann Söbbing (Rexing) vom Nordiek Vorsitzender des jungen Schützenvereins war.

Auch bei den Offizieren muss Vieles im Dunkeln bleiben. Erster Oberst war Her­mann Elfering genannt Schulze Richme­ring, erster Major Bern­hard Hoge (Hogen Kock) vom Brink. Als erster Haupt­mann des neuen Schüt­zenvereins geht Heinrich Beng­fort in die Annalen ein. Er kam aus Vreden und leb­te seit 1896 als Groß­- und Schwieger­va­ter in der Familie Elkemann (Merten) im Brook. Das schon genann­te Foto von 1914 zeigt ihn dann als Oberst und auch die mündliche Über­lieferung (Heinrich Wittebuer, Graeser Brook) berichtet von „Oberst Bengfort".

Auf dem Foto sind außerdem die Offiziere Josef Dües und August Ehler abgebildet. Es fehlt Hauptmann Hermann Röskenkemper, der sein Amt nach Aus­kunft eines Zeitungsartikels von 1958 möglicherweise im Jahre 1908 über­nom­­men hatte. Falls die Angaben stimmen, wäre er mit 21 Jahren der jüngste Hauptmann in der Geschichte des Allgemeinen Schüt­zen­vereis Graes.

Etwas sicherer belegt sind dagegen die Angaben über eine andere kleine Beson­derheit: Fräu­lein Else Gesing, später verheiratet mit Hubert Elkemann (Consum), wur­de im Jahr 1908 mit 15 Jahren die bislang jüngste Königin der Grae­ser Schützen, an der Seite von König Bernhard Rose.

 

Unsere Königspaare bis zum Ersten Weltkrieg

Die Namen der Graeser Könige und Königinnen sind schriftlich lückenlos fest­ge­halten. Für die Jahre bis zum Zweiten Weltkrieg fehlen jedoch fast immer Fotos von ihnen als Königspaar. In diesen Fällen sind Einzelaufnah­men aus dem Privatleben zusammengestellt und abgedruckt worden. Nur auf diese Weise konnte es gelingen, in dieser Jubi­lä­ums­schrift alle Könige und Köni­gin­nen im Bild zu zeigen.

 


Die Entwicklung zwischen den Weltkriegen

Drei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs kam der Schützenverein langsam wieder in Schwung. Bestimmt hatten viele Fami­lien noch immer mit Schmerz und Trauer, Not und Sorgen zu kämpfen. Doch das Leben musste ja weitergehen, und so feierte Graes im Jahr 1921 sein achtes Schützenfest. Klemens Plate aus dem Brook konnte sich als erster König der Nachkriegszeit in die Chronik eintra­gen. Zur Königin erwählte er sich Maria Witte (Bröker), seine spätere Ehefrau.

Das nächste Fest ließ dann drei Jahre auf sich warten. Von 1924 bis 1938 richteten sie wie gewohnt im Zwei-Jahres-Turnus ihr Schützenfest aus. Dabei gibt es allerdings eine kleine Ungereimtheit zu vermelden: Das Schützenfest im Jahr 1932 scheint ausgefallen zu sein, zumindest wird es in den Unter­lagen und in der Chronik nicht erwähnt. Der Grund dafür konnte leider nicht ermittelt werden.

Im Jahr 1928 dann der erste große Höhepunkt: Der erwach­sen gewor­de­ne Schützenver­ein feierte sein 25-jähriges Bestehen. Viel ist uns darüber nicht bekannt. Augenfällig ist jedenfalls, dass ein Genera­ti­ons­wechsel statt­­gefunden hatte: Neu­er König wurde im Jubi­läums­jahr Hermann Hüppe, Sohn des ers­ten Graeser Königs Wilhelm Hüppe. Wie sein Vater nahm er sich eine Königin aus der Familie Weßling: Änne, seine Cousine. Hatte sein Vater sei­ne Königin noch geheiratet, verbot sich das in diesem Falle jedoch aus naheliegenden Gründen.

Das chronologisch erste Schriftstück, das in den heutigen Unterlagen des Schützenvereins erhalten geblieben ist, stammt aus dem Jahr 1938. Es handelt sich dabei um die „Bedingungen für den Restaurations-Verding zum Schützenfest des Schützenvereins Graes am 29./30. Mai 1938". Hierin wird bei­spielsweise dem Festwirt aufgegeben, ein 500 m2 großes Zelt zur Ver­fü­gung zu stellen und es zu dekorieren sowie auszu­schmüc­ken. Weiter heißt es dazu: „Dasselbe ist mit Dach und Thron fertig im Mit­tel­punkt von Graes aufzu­bauen. Als Mittelpunkt ist der Zwischenraum Epping, ­Richmering, Wirt Weß­ling, Bauer Weßling gedacht." Der Festwirt bestimm­te also, wo das Zelt zu stehen kam. Die Zeiten haben sich geän­dert.

In den 22 Punkten der Bedingungen erfahren wir erstmals auch etwas über die Musikkapelle, die an den Festtagen spielen sollte. Sie wurde für zwei Tage „in einer Mindeststärke von 10 und einer Höchststärke von 12 Mann vom Verein gestellt." Der Festwirt hatte sie unentgeltlich zu beköstigen. Ferner wurde ihm ausdrücklich zur Auflage gemacht, auf dem Fest für gute Speisen und Getränke zu sor­gen und nur einwandfreies Bier auszuschenken. In diesem Zusammenhang müssen wir bedenken, dass es damals weitaus schwieriger war als heute, die Geträn­ke zu kühlen.

In einem zweiten Dokument von 1938 sind die Einnahmen und Ausgaben des Schützenfestes belegt. Von 154 Mitgliedern hatte man immerhin 308 RM an Mitgliedsbeiträgen kassiert. Beim „Antreten 1. Tag" – so der Vermerk in der Ab­­­­­­­­rech­nung – waren 450 RM und am zweiten Tag 125 RM in die Kasse geflossen. Wie das Geld hereinkam, bleibt unklar. Wurde beim Antreten nochmals kassiert? Wie dem auch sei, die Einnahmen beliefen sich anno 1938 auf 883 RM. Die Ausgaben blieben mit 679 RM unter den Einnahmen, der Schützenverein machte also einen Gewinn von 204 RM. Bemerkenswerter Posten: 7,28 RM wurden für eine „Vereinszeitung" ausgegeben! Man wundert sich, aber alles hat seine Richtigkeit, wie die Kassenprüfer Hubert Elfering und Hermann Wessling beurkunden.

 

Vorsitzende und Offiziere

Was für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gesagt wurde, gilt auch für die zwei­te Periode: Nachrichten über Ämter und die sie besetzenden Per­sonen sind rar. Zwar hat der Schützenvorstand anlässlich seines gol­­denen Vereins­jubi­läums im Jahr 1952 die Namen aller Vorsitzenden festgestellt und dokumentiert. Es fehlen jedoch Angaben zu Amtsantritt und -dauer. Für historisch Interessierte sei noch auf eine Besonderheit hingewiesen: Seit etwa 1935 erhielt der Vorsitzende des Schützenvereins zwangsweise den Titel „Vereins­führer", wie übrigens alle Vorsitzenden der „gleichgeschalteten" Vereine.

Auf Hermann Söbbing (Rexing) folgte nach dem Ersten Krieg sein Sohn Gustav Söbbing (Rexing). Man darf annehmen, dass er das Amt direkt nach dem Krieg über­nommen hat. Abgelöst wurde er von Hermann Frenker, nach mündlicher Überlieferung etwa um 1926. Doch auch dessen Vorsitz war nicht von langer Dauer. Schon nach einem Jahr soll er „den ganzen Pröttel wieder hingeschmissen haben", wie ein Zeitzeuge berichtet. Bis zum Ausbruch des Zwei­ten Weltkriegs bekleideten noch Klemens Plate und Eduard Söbbing das Amt des Vorsitzenden.

Ein weiteres Vorstandsmitglied wird uns aus der Tageszeitung bekannt: In einem Nachruf bedankt sich der Vorstand des Schützenvereins Graes bei Josef Dües für seine langjährige Mitgliedschaft im Vorstand und erwähnt, dass „er maßgebend in unseren Reihen" war.

Heinrich WitteAls jüngstes Mitglied in jenen Jahren gilt Heinrich Wittebuer aus dem Brook. Nach eigenen Angaben wurde er im Jahr 1926 im Alter von 22 Jahren in den Vorstand gewählt. Er fungierte als Schrift­führer in der Nachfolge von Bern­hard Weßling und arbeitete in diesem Amt bis 1966, also 40 Jahre lang.

Den Posten des Obersten übernahm im Jahr 1921 Bauer Heinrich Elkemann, wie ein Foto aus dem Jahr 1924 (Jubiläumsschrift von 1977) belegt. Sein Vorgänger, Heinrich Bengfort, war 1916 verstorben. Heinrich Elkemann übte sein Amt nach mündlicher Überlieferung auch noch nach dem Zweiten Welt­krieg aus. In einem Nachruf aus dem Jahr 1960 danken sowohl der Schützen- als auch der Kriegerverein Heinrich Elke­mann dafür, dass er „jahrzehntelang den Posten als Oberst in unseren Ver­einen ver­tre­ten hat." Aber auch sein Namens­vetter Heinrich Elkemann (Merten) ist auf Fotos häufiger als Oberst abgebildet. An Hand der Uniform ist er aber eindeutig als Oberst des Krie­ger­ver­eins zu identifizieren. Ob er dieses Amt – vor oder nach dem Zweiten Welt­krieg – auch für den Schützenverein bekleidete, muss hier offen bleiben. Im Allgemeinen gilt zu bedenken, dass identische Ämter in den beiden Verei­nen in vielen Fällen auch mit ein und derselben Person besetzt waren.

Oh Elkemann Heinrich Elkemann vom Brook Hauptmann Roesken Kemper

Hauptmann des Schützenzuges war nach mündlicher Überlieferung ab 1921, wie schon in den Jahren vor dem Krieg, Hermann Rösken­kemper. Drei Jahre später wird auf dem erwähnten Foto von 1924 allerdings Heinrich Buss als Haupt­mann genannt. Wiederum sind es mündliche Zeugnisse, denen wir Angaben zu weiteren Offi­zie­ren verdanken. Demnach war Hermann Helmert, Brink, Königsadjudant in den Jahren von 1921 bis 1926. Ebenfalls Königsadjudant war Johann Beck­mann aus der Stegge. Seine „Dienstzeit" ging von 1921 bis 1930. Eine weitere mündliche Nachricht sagt, dass Heinrich Helmert Ende der 1930er Jahre Vorstandmitglied wurde.

 


Unser Schützenverein vom Zweiten Weltkrieg bis zum Jahr 1962

Erneuter Rückschlag

Mit dem zweiten Krieg innerhalb von 25 Jahren kam im Jahr 1939 das Vereinsleben mehr oder weniger zum Erliegen. Schützenfeste wurden jeden­falls nicht mehr gefeiert. Wieder mussten, wie schon im Ersten Welt­krieg, viele junge Männer an die Front. Dieses Mal waren es aus Graes 101 Ehemänner und Söhne, die nicht zurück­kehrten. Der Schützenverein hält die Erinnerung an sie wach und hat ihre Namen im Ehrenmal auf Gedenktafeln festgehalten.

 

Die ersten Schützenfeste nach dem Zweiten Weltkrieg

Wenn es auch vier Jahre dauerte und viele Familien noch um ihre Gefallenen und Vermissten trauerten oder in Ungewissheit über deren Schicksal leben mussten: Langsam aber sicher kam das Vereins­leben wieder in Gang, und im Jahr 1949 wurde in Graes das erste Schüt­zenfest nach dem Zweiten Weltkrieg gefeiert. Ein Rückblick des Schrift­führers Heinrich Wittebuer aus dem Brook, direkt nach dem Fest aufgezeichnet, berichtet über die Umstände:

„Der Allgemeine Schützenverein Graes feierte am 15. und 16. Mai 1949 sein erstes Schützenfest nach dem unseligen, verlorenen Krieg... Alter König waren Her­mann Meier und Königin Paula Meier geborene Witte-Bröker. Als Ehren­­damen fungierten Gertrud Gerwing und Chri­stine Tom­brink. Herr Hermann Meier war als Ersatz für Hubert Dües, der in Russland gefallen ist.

Zum ersten Male war es uns durch Verfügung der Besatzungsmacht nicht gestattet, Schusswaffen zu gebrauchen, und wir haben auf die Waffen unserer Vorfahren zurückgreifen müssen und mit der Armbrust den stolzen Adler herunterholen müssen. Wenn es auch nicht knallte, so machte es doch Laune, und bei starkem Wettbewerb gelang es Herrn Ludwig Plate, den Rest herunterzuholen, der sich als Ludwig I. Fräulein Hedwig Hiller als Königin erkor. Ehrendamen waren Fräulein Ursula Söbbing und Maria Meier. Ehrenherren: Bernhard Thiemann und Erich Epping. Das Fest verlief in schönster harmonischster Weise.

Festwirt war der Vereinswirt Hermann Wessling, das Festzelt lieferte Herr Hubert Elkemann [der zu jener Zeit einen Zeltverleih betrieb]. Amtsbürger­meister: Herr Heinrich Hassel-Kappelhoff; Amtsdirektor: Herr Heidemann; Pfarrer von Graes: Herr Anton Schulten. Die Königswagen stellten Herr Paul Plate und August Elfering."

Im Jahr 1949 hatte sich die Bundesrepublik Deutschland gegründet, was auch zur Folge hatte, dass das strenge Besatzungsrecht, nach dem Zusam­men­­bruch 1945 über Deutschland verhängt, im Jahr 1950 außer Kraft gesetzt wurde und die Schützen dem Schützenvogel wieder mit den vorher üblichen Schuss­waffen zu Leibe rücken konnten. Bei den Ausgaben schlägt das mit einer Leih­­­gebühr von 25 DM (Beleg „Gewehre Kappelhoff") zu Buche. Und – wen wunderts – auch die Gemeinde­verwaltung hielt die Hand auf und verlangte 54,30 DM an Ver­­­­­­­­­gnügungs­steu­ern. Das Geld des Vereins reichte dann aber doch noch, eine neue Vogelstange anzuschaffen. Schreinermeister Bernhard Wess­ling kassierte dafür 32 DM, Malermeister Heinrich Wilde stellte für den Anstrich (schwarz und weiß abgesetzt) 26,50 DM in Rechnung. Ferner leistete sich der Verein den „Luxus" von 100 Schützenfedern (je 1,50 DM) und 12 Ansteckabzeichen (je 0,90 DM) für seine Vorstandsmitglieder.

Wir merken, es ging wieder aufwärts.

Von 1949 bis 1952 feierte der Schützenverein sein Schützenfest alljähr­lich. Den Zwei-Jahre-Rhythmus aus der Vorkriegszeit gab man für kurze Zeit auf, da der Kriegerverein noch verboten war und nicht, wie sonst üblich, in den Jahren mit den ungeraden Zahlen ihr „Kriegerfest" feiern konnte. Ab 1954 ging es dann wieder im alten Turnus weiter. Doch auch das hatte bald wieder ein Ende. Ab 1963 feierte man wieder jährlich.

 

Vorstand und Offiziere in den ersten Nachkriegsjahren

Vorsitzender Heinrich WesslingAus dem vorhin erwähnten Rückblick des Schriftführers Heinrich Witte­buer kennen wir die Namen der Vorstandmitglieder und des Offi­ziers­korps, die 1949 in ihre Ämter gelangten. Vorsitzender war Heinrich Wess­ling, Brink, und damit Nachfolger des letzten Vorkriegsvorsitzenden Edu­ard Söbbing (Rexing), der zwischenzeitlich nach Aver­esch gezogen war. Heinrich Wess­ling blieb Vorsitzender bis 1974.

Als erster Schriftführer nach dem Krieg fungierte Heinrich Wittebuer, siehe vorher, aus dem Brook, wie schon seit 1926. Die von ihm gemachten Aufzeichnungen und Buch­­füh­rungen geben erstmals eine brauchbare Übersicht über die Geschäfte des Vereins. Kassierer war Hubert Elkemann.

Das Offizierskorps wurde angeführt von Oberst Heinrich Bründermann. Leider konnte er dieses Amt nur wenige Jahre ausüben. Im Juli 1954 erlag er auf einer Straße in Epe einem Herzinfarkt. Sein Nachfolger wurde nach Aussage eines Zeitzeugen Georg Berges-Hewing (Schriever). Belege darüber gibt es nicht, weshalb seine Amtsdauer auch nicht genau ermittelt werden konnte. Vieles spricht dafür, dass er diese Aufgabe nur für ein Jahr übernommen hat.

In der Jubiläumsschrift von 1977 ist die Rede von Oberst Heinrich Elkemann und davon, dass er von Heinrich Fleer, seit 1958 Hauptmann, in diesem Amt beerbt wurde. Gemeint sein kann nur Bauer Heinrich Elkemann. Sein Namens­vetter Heinrich Elkemann (Merten) ist zwar auch als Oberst bezeugt, war aber schon 1957 gestorben. Bauer Heinrich Elkemann starb 1960 im Alter von 81 Jahren. Er hätte damit noch in hohem Alter als Oberst „seinen Dienst getan", was doch eher unwahrscheinlich ist. Zu nennen wäre für diese Zeit auch Franz Bulk, der auf Fotos immer wieder als Oberst und Major zu identifizieren ist. Hinter den Obersten stand über viele Jahre Major August Korthoff. Er diente in dieser Funktion bis etwa 1964.

Oberst Franz Bulk Oberst Heinrich Fleer Major August Korthoff

Her­mann Röskenkem­per übernahm nach dem Zweiten Weltkrieg wieder den „Befehl" über die Graeser Schützenkompanie. Damit war er wie schon 1921 als Hauptmann aktiv am Neuaufbau des Schützenvereins beteiligt. Bis 1958 noch blieb er auf diesem Posten. Dann konnte er das „Goldene Hauptmanns­jubiläum" feiern. 50 Jahre zuvor, so eine Meldung der Ruhrnachrichten, hatte er erstmals das Kommando übernommen. Seine Nachfolge übernahm Hein­rich Fleer.

In einer Zusammenfassung können wir folgendes festhalten: Wir sind zwar nicht so exakt und detailliert über die Besetzung der Vorstands- und Offi­ziers­ämter informiert, wie wir uns das vielleicht gewünscht hätten, mit den oben genannten sind jedoch sicher die Leute aufgeführt, die das Graeser Schüt­zen­wesen in den ersten 13 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend geprägt haben.

 

Das Jubiläum zum 50-jährigen Bestehen 1952

Am 18./19. Mai 1952 feierte der Schützenverein Graes sein 50jähriges Beste­hen. Von den im Gründungsjahr gewählten Vorstandsmitgliedern lebten noch die beiden Adjudanten Bernhard Elfering (Gerkemann) und Hermann Weßling (Elfering). Der König von 1902, Hauptlehrer Wilhelm Hüppe, war ein Jahr zuvor gestorben. Eingeladen zum Jubiläum waren die Schützen­ver­eine Epe, Bürgerschützen Ahaus, Wessum-Dorf, Wessum-Averesch, Alstätte-Dorf, Alstätte-Schwie­pinghook, Alstätte-Brink, Alstätte-Brook und Lünten. Bis auf die Ahauser folgten alle Vereine der Einladung und trugen zu einem harmonischen Fest bei.

Nach Angaben in der Tageszeitung gelang Alfons Söbbing (Rexing) bereits um 10.30 Uhr der Königsschuss. Zum Krönungsball waren dann auch alle bis­heri­gen Könige eingeladen. Zwölf von ihnen (von 18 seit der Grün­dung) sind auf dem unten stehenden Foto abgebildet.

 

Der Vorstand im Jubiläumsjahr

Zum Jubiläum ließ der Schützenverein eine neue Königskette anfertigen. Auf der Vorderseite der Jubiläumsplakette steht zu lesen: „50 Jahre Schützenver­ein Graes 1902–1952". Auf der Rückseite sind die Namen der amtierenden Vor­­standsmit­glie­der eingraviert. Demnach sind aus dem Vorstand, wie wir ihn aus dem Jahr 1949 kennen, fünf Mitglieder ausgeschieden, nämlich Bern­­hard Weß­ling, Josef Dües, Bernhard Möllenkotte (verzogen nach Schöp­­pin­gen), Hein­rich Terbeck und Wilhelm Ehler. Neu hinzugekommen sind Josef Benker, Alfons Hüntler, Josef Herickhoff, H. Fleer und Georg Hewing.

 


Die „Neuzeit" des Allgemeinen Schützenvereins 1902 e.V. bis zum 100-jährigen Bestehen

Wichtige Veränderungen in den 1960er Jahren

Das Jahr 1963 markiert eine Zäsur in der Geschichte des Schütz­en- und mehr noch des Kriegervereins. Wir erinnern uns: In den „ung eraden" Jahren war bislang immer das Kriegerfest an der Reihe gewesen. Im Jahr 1963 nun gab der Kriegerverein diese alte Tradition auf und verzichtete auf die Ausrichtung des Festes, weil der seit Jahren zu beobachtende Rückgang der Festgäste eine Weiterführung wenig sinnvoll machte. Der Schützenverein übernahm kurzerhand zusätzlich den frei gewordenen Termin und feiert seit diesem Zeitpunkt sein Schützenfest alljährlich. Bei dieser Gelegenheit wurde auch ein neuer Termin festgelegt. Wurde das Schützenfest seit 60 Jahren fast immer am zweiten Sonntag und Montag des Monats Mai gefeiert, einigte man sich jetzt auf den Pfingstmontag und -dienstag.

Am 25.3.1965 wurde der Schützenverein in das Vereinsregister eingetragen und trägt seither in seinem Namen den Zusatz „1902 e.V." Damit ist heute allerdings keine Gemeinnützigkeit mehr verbunden.

 

Geschäftsführende Vorstandsmitglieder 1965 bis 2002

Mit der Aufstellung der führenden Vorstandsmitglieder und Offiziere aus dem Jahr 1965 (siehe nächste Seite) beginnt der Zeitpunkt, ab dem die schriftliche Überliefe­rung des Schützenvereins eindeutig besser wird. Ab 1977 kön­nen dann sogar die Namen aller Personen genannt werden, die sich im Vor­stand und im Offizierskorps um den Schützenverein verdient gemacht haben.

Eine der prägendsten Persönlichkeiten im Vorstand war zweifelsohne Hein­rich Wessling, der schon wäh­rend des Zweiten Weltkriegs den Vorsitz über­nom­­men hatte. Im Jahr 1974 wählte ihn die Generalver­samm­lung zum ersten Präsidenten des Graeser Schützenvereins, für den er sich bis zu seinem Tod 1991 einsetzte – ein fast 50 Jahre andauerndes beispielhaftes Engagement.

Nachfolger Heinrich Wesslings im Amt des Vorsitzenden wurden Alfons Hünt­ler (1974–1981), Heinz Witte (Bröker, 1982–1994) und Heinrich Holle­kamp (seit 1994). Heinz Witte (Bröker) wurde 1994 zum Ehrenpräsidenten gewählt.
Alfons HuentlerHeinrich Hollekamp Heinz Witte

Schriftführer war auch 1965 immer noch Heinrich Wittebuer, der das Amt, wie in einem früheren Kapitel dargelegt, schon 1926 übernommen hatte. Auch er diente dem Schützenverein also ein halbes Leben lang. 1966 über­gab er seinen Posten an Kassierer Hubert Elkemann, der danach beide Ämter in Personalunion bis 1973 führte.

Neuer Schriftführer wurde 1973 Heinrich Wittenberg, 1988 legte er seinen Pos­ten nieder. Er sorgte in seiner Amtszeit dafür, dass regelmäßig von allen Vor­­stands­­­ver­­sammlun­gen schriftliche Protokolle angefertigt wurden. Gleich­zei­tig wurde erstmals gemeinsam darüber nachgedacht, – angeregt auch durch den neuen Kassierer Wilhelm Albers – wie die Einnahmen für das Schüt­zen­fest verbessert werden könnten. Zur Erinnerung: Im Jahr 1971 erziel­te man durch den Schützenfestverding eine Einnahme von 355 DM; dieser Betrag konnte bis heute erheblich gesteigert werden.

Nachfolger von Heinrich Wittenberg im Amt des Schriftführers wurde im Jahr 1988 Bernhard Dünne; auch er konnte viele Akzente setzen. 1996 löste ihn Werner Gesing ab.

Im Jahr 1973 wurde Wilhelm Albers zum Kassierer gewählt, als Nachfolger von Hubert Elkemann, der diesen Posten fast 25 Jahre lang inne gehabt hatte. Verbunden mit dieser Wahl war auch die Übernahme des Amtes des zweiten Vorsitzenden.

Dieses Prozedere wiederholte sich in gleicher Weise dann auch bei Gustav Söbbing, der 1986 zum Kassierer und gleichzeitig zum zweiten Vorsitzenden gewählt wurde. Ihm wiederum folgte im Jahr 1996 Alfons Homölle, der aber die Funktion des zweiten Vorsitzenden nicht übernahm, wie seine Vor­gän­ger es noch getan hatten. Diese Praxis war einige Zeit zuvor durch das Register­gericht (Amtsgericht Ahaus) untersagt worden. Zum zweiten Vorsitzenden wählte die Ver­samm­lung Günter Albers.

Oberste, Majore und Hauptleute seit 1963

Die Besetzung des Offizierskorps hat häufig gewechselt, so dass es nur schwer möglich ist, sie exakt zu dokumentieren. Das gilt in erster Linie für die 1960er Jahre. In den Protokollen zu den Generalversammlungen von 1963 und 1964 wird Lud­wig Plate als Oberst genannt. An seine Stelle trat 1965 und 1966 Josef Homölle, dem wiederum spätestens im Jahr 1968 Heinrich Fleer folgte. Heinrich Fleer blieb Oberst bis 1974. Auf dem Schüt­zen­fest 1975 wurde er zum General beför­dert. In seine Fußstapfen als Oberst trat Bernhard Dünne (1976–1977), gefolgt von Willi Nacke (1978).

Major ist in diesen Jahren wie schon seit 1949 August Korthoff. 1965 tritt an seine Stelle Heinrich Wigbels, der auch 1972 in dieser Funktion auf einem Foto abgebildet ist. Zwischen 1966 und 1971 kommen auch Clemens Ehler und Franz Bulk (sicher 1969) als Majore in Frage.

Wie wir schon wissen, wurde Heinrich Fleer 1958 Hauptmann. Bis etwa 1968 hat sich daran nichts geändert. Danach finden wir auf Fotos auch Clemens Ehler und Heinrich Wigbels in dieser Funktion.

Die Amtszeiten folgender Offiziere sind sicher nachgewiesen:

Heinrich Fleer Generaloberst von 1975 bis 1994,Oberst bis 1974,Hauptmann seit 1958

Willi Nacke General seit 2001,Oberst von 1978 bis 2000,Major 1976 und 1977

Bernhard Dünne Oberst 1976 und 1977,Major von 1973 bis 1975 und 1981

Hubert Herickhoff Major von 1978 bis 1980, 1984 und 1985

Franz Sudhues Major 1982, 1983 und 1986,Hauptmann von 1972 bis 1981

Hubert Leveling Major von 1987 bis 1990

Ludger Witte Major von 1991 bis 2000

Ludwig Leveling Hauptmann seit 1982

Ehemalige Offiziere ab 1977

Weitere ehemalige Offiziere können ab 1977 aus den Protokollen abgelesen wer­den. Hier die Aufstellung:

Blakert, Norbert

Brüning, Hermann

Brüning, Johannes

Büscher, Friedhelm

Bulk, Georg

Effkemann, Ewald

Egbringhoff, Werner

Ehler, Hugo

Elkemann, Berthold

Elkemann, Josef

Grunewald, Sebastian

Heynk, Norbert

Homölle, Bernhard

Meier, Hubert

Meiners, Josef

Plate, Paul

Rörick, Ludger

Rörick (Räker), Ludger

Söbbing (Heffler), Rainer

Vortkamp, Franz-Josef

 

Das Vereinsjubiläum zum 75-jährigen Bestehen 1977

1. Kaiserpaar - Josef Horst und Anni WittenbergIm Jahr 1977 feierte der Graeser Schützenverein sein 75-jähriges Bestehen. Ein umfangreiches Programm sorgte für ein unvergessliches Ereignis in unse­rer Gemeinde. Das Jubiläumsfest begann am Pfingstsamstag mit dem Kaiser­schießen. Fast alle Ex-Könige waren der Einladung des Schützenvereins gefolgt und nahmen engagiert am Ringen um die Kaiserwürde teil. Nach einem langen Wettbe­werb war es dann Josef Horst, der den Vogel von der Stange holte und damit als erster Kaiser in die Annalen des Graeser Schützenvereins einging. Zur Kaiserin wählte er sich Anni Witteberg. Schon diese erste Veranstaltung des Jubiläums wurde bei herrlichem Wetter zu einem richtigen Volksfest.

Am Pfingst­montag folgte dann der zweite Höhepunkt: Zahl­reiche Gäste und Nachbar­vereine nahmen an der bisher größten Parade der Graeser Geschichte teil und blieben auch zum sich anschließenden gemütlichen Umtrunk am Festzelt.

1979 begründete man die Tradition eines Kinderschützenfestes. Der Schützenverein erklärte sich bereit, die anfallenden Aufgaben zu übernehmen. Er beschaffte eine neue Vogelstange und sorgte für die Geneh­mi­gung zum Luftgewehrschießen. Auch eine Königskette wurde angeschafft: Sie hat heute bereits 27 Plaketten aufzuweisen.

Das Programm für das Kinderschützenfest sieht in der Regel folgender­maßen aus:

Wie die Erwachsenen marschieren die Kinder dann der Musikka­pel­le hinterher. Die Disziplin lässt manchmal zu wünschen übrig, was aber nicht weiter verwunderlich und schon gar nicht zu beklagen ist. Während­dessen bieten die Graeser Vereine in gemeinsamer Arbeit ein buntes Pro­gramm. Die Bevöl­ke­rung trifft sich zu Kaffee und Kuchen, für die Kleinsten gibt es Süßigkeiten, die kostenlos verteilt werden.

Das erste Kinderschützenfest dieser Art fand am 19. August 1979 im Fest­zelt am Sportplatz statt. Erster König wurde Andreas Hoffstädte, erste Köni­gin Monika Herickhoff.

 

Unser Schützenfest – Gesellschaftlicher Höhepunkt des Jahres in Graes

Sicher haben die meisten von uns häufig genug Gelegen­heit, sich mal so richtig auszulassen. Geburtstage, Namenstage, Betriebsfeste, Hoch­zei­ten, Jubiläen und Partys – die Anlässe sind zahllos. Da ist es kein Wunder, dass schon mal eine Ausrede gefunden werden muss, um einen verpflichtenden Termin absagen zu können.

Für das Fernbleiben vom Schützenfest muss die Ausrede jedoch schon sehr stichhaltig sein. Die Teilnahme ist sozusagen erste Bürgerpflicht. Schon Anfang des Jahres müssen im Betrieb Urlaubstage vorgemerkt werden. Private Feste werden so geplant, dass sie nicht mit dem Termin aller Termine kollidieren. Keiner möchte das Fest unnötig versäumen. Wir sehen – unser Schützenfest ist in Graes der gesellschaftliche Höhepunkt des Jahres, für den sich alle gern „in Schale schmeißen".

 

Die Vorbereitungen

Schon wenige Tage nach den Feierlichkeiten steht der nächste wichtige Ter­min ins Haus: Das Abrechnen. Schließlich muss jeder zu seinem Geld kommen. Das Königspaar hat die Zeche zu bezahlen, der Schützenverein gibt einen ordent­lichen Zuschuss. Damit ist die Schützensaison auch finanziell abge­schlossen.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, diese Erkenntnis eines Fußballtrainers gilt entsprechend ganz sicher auch für das Graeser Schützenfest. Einige Wochen nach der Abrechnung starten schon die Vorbereitungen für das nächste Fest. Die neuen Ausschreibungen müssen erarbeitet und verschickt werden. Die zurückkommenden Angebote werden in einem Verding-Termin geöffnet. Der meistbietende Wirt bekommt anschlie­ßend den Zuschlag.

Im Winter trifft sich das Offizierskorps zu seiner Versammlung, der Vor­stand des Vereins tut das Gleiche. Beide machen sich Gedanken über das kommende Fest und treffen erste Entscheidungen. Beim Vorstand geht es in dieser Phase vor allen Dingen darum, die Generalversammlung vorzubereiten, die alljährlich zu Palmsonntag einberufen wird.

Im zeitigen Frühjahr lädt der Vorstand des Schützenvereins den Thron und die Mundschenke zur Weinprobe ein. Es geht darum, den Wein herauszufinden, der für das kommende Fest der geeignetste zu sein scheint und der am Thron ausgeschenkt werden soll. Der Geschmack geht meistens in die etwas süßere Richtung, die wohl die Mehrheit der Gäste bevorzugt. Keine Frage, dass die Weinprobe auch immer zu einem gemütlichen kleinen Fest wird, das schon einen Vorgeschmack auf die kommenden Feierlich­kei­­ten vermittelt. Ähnli­ches gilt für das so genannte „Kette putzen", zu dem der König sein Gefolge einlädt.

Peinlich für den Vorstand und rufschädigend für den Vogelbauer wäre es, wenn das „Federvieh" nach wenigen Schüssen seinen Geist aufgäbe und vor­zei­tig von der Stange flatterte. 200 bis 400 Treffer sollte der Schützenvogel schon verkraften können. Deshalb ist es von großer Wichtigkeit, dass er von einem Fachmann hergestellt wird. Für den Rumpf wird aus Sicherheits­grün­den weiches Holz verwendet, Flügel und Schwanz entstehen aus entsprechend zugesägten Spanplatten. Zum Festtag erhält der Vogel vom Maler ein schickes buntes Federkleid. Die Insignien Krone, Zepter und Weltkugel leuch­ten in hellem Gold.

 

Eine kleine Generalprobe

Einen Vorgeschmack auf das Königsschießen bekommen die Schützen, wenn sie eine Woche vor Pfingsten, samstags um 17 Uhr, unter Beglei­tung der Musik­ka­pelle zur Vogelstange marschieren, um sie mit einem grünen Zweig zu schmücken. Diese alte Tradition nennt sich im Platt­deut­schen „Ries noa de Stange brengen". Nach dem Schmücken besteht für die Schüt­zen die Möglichkeit, sich im Sternschießen zu messen, wie es die Krieger auf ihren Kriegerfesten bis 1961 auch getan haben. Hierbei gibt es Geldpreise zu gewin­nen. Diese kleine Generalprobe für das Schützenfest geht unter freiem Him­mel bei Musik und Gesang meistens bis tief die Nacht, sofern es das oft noch frische Frühlingswetter erlaubt.

Unsere Schützen können nicht nur feiern

 

Die Video- und Fotoabteilung

Das Video-Team (nicht nur) des SchützenvereinsAls Hugo Ehler im Jahr 1980 zum ersten Mal mit seiner privaten 8-mm-Schmalfilm-Kamera das Schützenfest filmte, ahnte er sicher noch nicht, welchen Stein er damit ins Rollen bringen würde. Zunächst noch allein mit seiner Kamera unterwegs, sah man Hugo auch bei anderen wichtigen Ereignissen in Graes. Seine Filme übernahm anfangs der „Bund ehemaliger Soldaten" und später dann der Schüt­zenverein Graes 1902 e.V.

Im Jahre 1987 erhielt Hugo Ehler tatkräftige Unterstützung von zwei Vor­standsmitgliedern des Schützenvereins: Robert Hüntler und Gustav Söb­bing. Alle drei hatten die grundlegende Idee, alle wichtigen Ereignisse und Vorkommen im Heimatort Graes sowie dessen Vereine im Film festzuhalten und so das Geschehen in Graes für die Nachwelt zu erhalten. Das große Ziel hieß, ein umfangreiches Filmarchiv zu erstellen. Allen Beteiligten war klar, dass das noch ein weiter Weg und mit viel Arbeit verbunden sein würde.

Noch im selben Jahr entschied man sich, aus Kostengründen von 8mm Schmalfilmen auf Video-Filme umzustellen. Zum ersten Mal filmte Hugo Ehler das Schützenfest mit einer von Hugo Hüntler (Ottenstein) ausgeliehenen Video-Kamera. Das war der Startschuss für die neue Videofilm-Ära im Graeser Schützenverein.

Der Wunsch des Video-Teams, für Graes eine eigene Video-Kamera anzuschaffen, fand im Vorstand des Schützenvereins große Unterstützung, und so filmte Hugo Ehler dann erstmals auf dem Schützenfest 1988 mit der vereinseigenen Video-Kamera.

 

Das Lautsprecher-Team

Heute ist es selbstverständlich geworden, bei Veranstaltungen die Gäste und Zuhörer per Lautsprecherübertragung anzusprechen. Auch dafür ist mitt­lerweile umfangreiche Technik erforderlich, deren Bedienung entsprechende Kenntnisse erfordert. Nicht zuletzt geht es auch um die Frage des Transports und der Aufbewahrung. Für all diese Anforderungen hat der Schützenverein schon vor längerer Zeit zwei Freiwillige gefunden: Christian Plate und Christian Rörick.

 

Die Schießsportgruppe

Die Schießsportgruppe Graes besteht seit mehr als 25 Jahren. Sie wurde 1976 ins Leben gerufen. Die Schießsportgruppe Graes nimmt in jedem Jahr mit 14 weiteren Schieß­sport­gruppen aus Ahaus am Wettbewerb um den Bürgermeister-Pokal der Stadt teil. Durch mehrere Übungsschießtermine, die über das ganzes Jahr verteilt werden, bereiten sich die Graeser Schützen auf diesen Wettkampf vor. Mit Erfolg – konnten sie doch schon häufig Medaillen und andere Auszeich­nungen mit nach Hause nehmen.

Eine weitere Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen, bietet sich den Grae­ser Schützen bei der internen Vereinsmeisterschaft. Sie findet immer sonn­tags nach dem Grünen Abend auf der Schießsportan­lage in Ammeln statt. Die Sieger werden mit Pokalen und Medalien auf der Generalver­samm­-­lung oder auf dem Schützenfest ausgezeichnet.